die last der leseordnung

Es wäre wahrscheinlich leicht, aus jenem exegetischen Problem eine dreijährige Serie zu machen: Der Auswahl der Bibeltexte und deren Abgrenzung in der römisch-katholischen Leseordnung.

Das konkrete Beispiel, dass mich derzeit umtreibt, ist die erste Lesung am Fest Taufe des Herrn (Lesejahr A), zu der ich eine Predigtvorlage schreiben darf. Warum dieses Beispiel ein Problem ist, zeigt schon der Blick auf die Stellenangabe im Lektionar: Jes 42,5a.1–4.6–7. Warum steht V. 5a vor V. 1? Was ist mit V. 5b passiert? Warum lautet die Angabe nicht schlicht Jes 42,1–7?

Ich benutze solche komplexen Stellenangaben gerne in der Lehrveranstaltung um zu zeigen, wie man Verweise auf konkrete Bibelverse kompakt darstellen kann. Dann geht es aber in der Regel darum, dass ein Phänomen, also etwa ein bestimmtes Leitwort, auf den ganzen Text verteilt ist. Hier wird die Angabe dagegen genutzt, um einen ganzen Text aus der Bibel zu bestimmen und ihn damit aus seinem Kontext auszusondern. Warum so ein Text dann mittendrin (V. 5a) anfangen sollte, ist zumindest erklärungsbedürftig.

Also folgt ein Erklärungsversuch aus exegetischer Sicht. Es lassen sich zwei Methoden, die zur Literarkritik gehören, nutzen, um die Textform, wie sie im Lektionar steht, zu erkären: Die Abgrenzung und die Kohärenzprüfung.

Die Abgrenzung begründet anhand von strukturellen Kriterien, warum ein Text an einer bestimmten Stelle anfängt und einer anderen aufhört, also auch ob man begründet einen bestimmten Abschnitt aus dem Kontext entnehmen kann. Mit einer methodischen Abgrenzung stellt man fest, dass es gute Argumente gibt, einen neuen Text in V. 5 beginnen zu lassen. Hier steht eine Redeeinleitung, an die anschließend die Redesituation wechselt: nicht mehr eine dritte Person ist angesprochen, sondern Gott spricht zu einem „du“. Dieser Text würde nur sicher nicht in V. 7 enden, denn dafür lassen sich keine Kriterien finden und dagegen spricht, dass V. 8 im Hebräischen genau so beginnt wie V. 6 (אֲנִי יְהוָה; die Übersetzungen ahmen das leider in der Regel nicht nach). Erst in V. 10 ist ein definitiver Wechsel festzustellen. Auch ein Textbeginn in V. 1 ist zumindest zu diskutieren. Die Einleitung „Siehe“ findet sich auch schon einen Vers zuvor. Dass der Text aber in V. 5a beginnt und dann in V. 1 weitergeht, kann die Abgrenzung mit ihren Mitteln gar nicht erst herausfinden; deswegen kann die Stellenangabe im Lektionar nicht aus diesem Methodenschritt heraus entstehen.

So bleibt die Kohärenzprüfung (für manche die Literarkritik im eigentlichen Sinn). Sie stellt fest, ob es Störungen im Text gibt, die auf ein Textwachstum hindeuten. So können im Gesamttext Teiltexte identifiziert werden, die möglicherweise auch in anderer Reihenfolge denkbar wären und vielleicht sogar ursprünglich anders angeordnet waren. Eine solche Kohärenzstörung ist im Text Jes 42,1–7 durchaus zu entdecken. In V. 5 steht eine neue Redeeinleitung, obwohl es keinen Sprecherwechsel gibt. Was hingegen wechselt, ist die Redesituation. Denn während V. 1–4 über eine dritte Person sprachen, ist in V. 6–7 eine zweite Person im Blick. Deswegen könnte man annehmen, dass ab V. 5 ein Teiltext beginnt, der nicht schon immer mit V1–4 zusammen stand. Aber diese Kohärenzstörung wird in der Textversion des Lektionars nicht gemildert, sondern noch intensiver. Denn hier treffen die beiden Redesituationen direkt aufeinander! Für Leser und Hörer dieser Lesung stellt sich ein plötzlicher Adressatenwechsel ein, der gar nicht im Text steht. Dieser Bruch wurde künstlich geschaffen. Die Literarkritik könnte eventuell herausfinden, dass V. 5–10(!) erst nachträgtlich in den Text eingefügt wurden. Ein Argument diese Einheit aufzubrechen, einen Teilvers davon auszulassen (V. 5b) und damit einen anderen Text zu rahmen ergibt sich daraus aber nicht.

Letztlich ist dieses exegetische Bemühen wie mit Kanonen auf Spatzen geschossen, denn die Leseordnung folgt gar nicht erst diesen wissenschaftlichen Überlegungen, sondern setzt viel pragmatischer an. Sie braucht 1) eine Redeeinleitung (V. 5a), die sie sonst gerne hinzuerfindet und 2) genug Verse, um einen Bezug zu Jesus herstellen zu können. Mit V. 7 ist dann auch ein Satz eingebunden, der im NT zitiert wird und die vorherige Beschreibung des „Gottesknechtes“ reicht für eine Identifizierung mit Jesus aus. Wie dabei freimütig der Text gegen den Strich gebürstet und passend gemacht wird, entspricht sicher nicht der Wertschätzung, die die Liturgiereform dem Wort Gottes entgegen bringen wollte.

Posted by Benedict Schöning