ein kanonbewusstes lektionar

Man hört es dieser (Sonn-)Tage wieder: Man müsse die Texte der Evangelien aushalten, auch wenn sie nicht gefielen, sie kämen eben dran. Wie gut, dass man sich das nicht aussuchen kann, denke ich und nehme das zum Anlass, wieder über die Leseordnung nachzudenken.

Vor kurzem bin ich auf einen Beitrag von Norbert Lohfink von 2001 gestoßen (Heiliger Dienst 55, 37-57). Lohkfink macht sich dort Gedanken „Zur Perikopenordnung für die Sonntage im Jahreskreis“ – das Thema hat mich hier ebenfalls schon beschäftigt.

Positiv überrascht war ich, als ich über die Wertschätzung las, die andere Kirchen der Idee und auch der konkreten Verwirklichung der Leseordnung der römisch-katholischen Kirche entgegen bringen. Tatsächlich war mir bisher nicht bewusst, wie viel selektiver die Lesungen in unseren Gottesdiensten wohl gewählt wären, wenn es diese Ordnung gar nicht erst gäbe.

Was dann folgt, wirft ein Licht auf einige Fragen, die man sich angesichts der konkreten Leseordnung häufig stellen kann: Welche Kriterien waren eigentlich leitend dabei, dass man sich für zwei Bahnlesungen entschied? Warum hat man sich zu sehr verkürzten Textabgrenzungen hinreißen lassen? Die Begründungen, die der Aufsatz andeutet, muten abenteuerlich an: Die älteste Form des Kerygmas als Leitkriterium? Eine vermutete Überforderung des modernen Menschen ohne empirische Basis? Historische Jesuswort als wertvolleres Zeugnis als die Evangelien an sich?

Gerade die historischen Begründungen (ursprünglich, alt) stellen aus der Perspektive heutiger Exegese ein Problem dar. Wir wissen oft nur mit großer Unsicherheit, was alt und was authentisch ist. Zudem ist ins Bewusstsein gerückt, dass die Bibel als Ganze der Text ist, der die Grundschrift der Kirche darstellt. Einzelnen Worten darin kommt kein besonderer Rang zu, der ihnen nicht aus dem Text selbst heraus gegeben ist. Die frühe Kirche hat sich ja gerade nicht entschieden, den historischen Jesus zu ihrem Kanon zu machen, sondern die Texte der Bibel als Ganze. Man bedenke auch die Gefahr: Die Entscheidung, dass etwas historisch oder authentisch sei, läge in der Hand der Fachwissenschaftler (und deren wechselnder Meinung) und nicht in der Hand der Glaubensgemeinschaft, deren Teil die Exegeten sind. Wie leicht wäre es, unbequeme Schriftexte auszusondern und zu behaupten, sie seien nicht wichtig; was faktisch häufig genug geschieht.

Der im Beitrag gezogene Vergleich zur jüdischen Leseordnung zeigt, wie es auch gehen könnte. Dort steht die Tora im Zentrum der Leseordnung. Die weiteren Lesungen sind auf die Tora hin ausgesucht. Nun könnte das ein ebenso willkürliches Kriterium sein wie die Historizität eines Textes. Aber diese Logik – Vorrangstellung der Tora und Auslegung der Toratexte in den anderen Kanonteilen – ist tief im Tanach verankert. Sie entspricht seiner in ihm angelegten Kanonhermeneutik.

Einer solchen Kanonhermeneutik bei der Gestaltung der Leseordnung zu folgen, heißt auch, die Texte ernst zu nehmen, weil sie selbst zum Kriterium der Auswahl und Anordnung werden. Und hier scheint mir ein Problem der christlichen Bibel zu liegen. Ich bin noch auf keine vollentwickelte, weitgehend anerkannte Kanonhermeneutik des Neuen Testaments gestoßen. Wohl gibt es Vorschläge, die das Verhältnis von Altem und Neuem Testament anordnen. Aber die Idee, dass die Evangelien wie die Tora die Basis des Neuen Testaments wären und alles weitere Auslegung derselben, scheint nicht etabliert zu sein – und hat gegen eine starke Paulusexegese vielleicht auch keine Chance. Mir gefällt sie aber, ohne dass ich das schon wissenschaftlich erhärten könnte. Die Inszenierung der Evangelienlesung in der (römisch-katholischen) Liturgie legt den Vorrang dieses Kanonteils auch besonders nahe. Nur verwundert es, dass dieser Text dann als letzter von vieren gehört wird, was weder der erzählten Chronologie noch überhaupt einer Rangordnung im Kanon entspricht.

Den zahlreichen, in Lohfinks Aufsatz besprochenen Modellen möchte ich noch eines zur Seite stellen: Ein erster Schritt zu einer Leseordnung, die sich an der Bibel und nicht an ihren Einzeltexten orientiert, wäre die Einführung von vier Lesejahren für die vier Evangelien, denn nur so kommen deren Profile überhaupt erst zum Vorschein, wie Lohfink klar macht. Die erste Lesung könnte aus der Tora genommen werden, die zweite aus anderen Teilen des Alten Testaments. Die dritte wäre ein Evangelientext und die vierte aus den weiteren Teilen des Neuen Testaments. Eine solche Anordnung folgt der Reihung der Texte in der Schrift selbst, bringt beide Teile der zweieinen christlichen Bibel zur Sprache und stellt jeweils jene Texte voran, die in den nachfolgenden ausgelegt werden.

Posted by Benedict Schöning