liebe deinen kontext wie dich selbst

Abraham und Sarah, Lot und seine Frau, Jakob und Leah, David und Michal: Die Bibel ist voll von gelingenden Ehen – zumindest gewinnt diesen Eindruck, wer die Florilegien liest, die zum Valentinstag zusammengestellt werden. Eine dieser Sammlungen ist heute bei katholisch.de zu finden: Die zehn schönsten Bibelstellen zur Liebe.

Schon die Form ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie die Kirche für gewöhnlich mit ihrer Basisurkunde umgeht. Einzelne Verse, die das gesuchte Stichwort enthalten, ergeben ein Lehrgebäude. Zu diesem Vorgehen gehört auch eine hohe Selektivität. Der Titel des Artikels verspricht das ja schon: Es werden nur die „schönsten Bibelstellen“ genannt. Was ist mit den weniger schönen? Haben die keine Bedeutung? Es gibt noch ein zweite Dimension dieser Selektivität: Die Textstellen werden aus ihrem Kontext geschnitten (Die griechische perikopé ist das „rundherum Ausgeschnittene“). Das ist ein zerstörerischer Vorgang und fordert gerade deswegen umso mehr Umsicht.

Liest man die im genannten Artikel zitierten Stellen in ihrem Kontext, dann treten einige dieser Probleme deutlicher zu Tage:

Rut 1,16-18

Es ist ein Treppenwitz der Kirchengeschichte, dass ausgerechnet Rut 1,16-18 es zum Musterzitat für die römisch-katholische Eheschließung gebracht hat. Rut gesteht hier Noomi ihre Liebe in Worten, die tatsächlich kaum schöner sagen lassen, wie eng die Beziehung von zwei Menschen sein kann. Aber es sind, und das wird dann gerne ausgeblendet, eben zwei Frauen, die sich diese Liebe gestehen. Dem Artikel auf katholisch.de merkt man an, wie er sich um diese Bedeutungsebene windet: „Anders als der Vers vermuten lässt, bezieht er sich nicht auf die Liebe einer Frau zu ihrem Mann […]“ (das ist tatsächlich wohl eher die populäre Vermutung, als dass der Vers selbst einen auf diese Idee brächte) „[…], sondern zu dessen Familie in Persona seiner Mutter Noomi.“ Nur als Gedankenexperiment: Sofern dieser Satz stimmte, sagten die Brautleute bei der Trauung einander zu, dass sie die Familie des anderen so sehr liebten, dass sie sich deswegen bis zum Tod von diesem Partner nicht trennen wollten. Mit Liebe zwischen den Partner hätte das aber nichts zu tun.

Schauen wir in den Kontext: Ruts Mann ist bereits zu Anfang des Rutbuches verstorben (Rut 1,5). Der Text macht dabei noch nicht einmal klar, welcher der beiden Söhne Noomis, Machlon oder Kiljon, überhaupt mit Rut verheiratet war, das wird erst in Rut 4,10 aufgelöst. Es spielt für den weiteren Verlauf der Erzählung schlicht keine Rolle. Wichtig wird aber, dass Rut ihr Versprechen auch wahr machen kann, denn das Leben der beiden ist von Armut bedroht. Boas, ein naher Verwandter, wird als Löser und Vater der Nachkommen Ruts eingespielt, es kommt zu erotisch aufgeladenen Begegnung auf der nächtlichen Tenne (Rut 3). Leviratsehe und Lösertum werden im Folgenden so geschickt verbunden, dass Rut und Noomi ihre gemeinsame Zukunft nicht zu fürchten brauchen. Es mag nicht verwundern, dass das Rutbuch insgesamt ein guter Einstiegspunkt in eine queere Interpretation der Bibel ist. Man muss dem nicht folgen, darf aber nicht übersehen, dass die einzige von Anfang bis Ende durchtragende Beziehung in diesem Text die von Rut und Noomi ist, die mit den schönen Worten aus Rut 1,16-18 beschrieben wird. Rut 4,17 schreibt das geborene Kind Ruts sogar Noomi zu und nicht Boas. Eine eigene kirchliche Trauung dürften die beiden Urheber des beliebten Hochzeitszitats heute aber trotzdem nicht feiern.

Man hätte in diesem Kontext auch gut die Beziehung zwischen Jonatan und David zitieren können: „Und es geschah, als er aufgehört hatte, mit Saul zu reden, verband sich die Seele Jonatans mit der Seele Davids; und Jonatan gewann ihn lieb wie seine eigene Seele.“ (1 Sam 18,1 in der Übersetzung der Elberfelder Bibel). Oder auch 1 Sam 20,17: „Und Jonatan ließ auch David bei seiner Liebe zu ihm schwören; denn er liebte ihn wie sein eigenes Leben.“ (unrevidierte Einheitsübersetzung). Auch das sind schöne Umschreibungen der Liebe. Aber der naheliegende Verdacht einer homoerotischen Beziehung der beiden Männer hält wohl die meisten Christen davon ab, mit diesen Worten ihre eigene Beziehung öffentlich zu beschreiben. Die Vorbehalte gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften müssten dabei aber gar nicht der leitende Grund sein, denn vermutlich geht es dem Text gar nicht darum. Das Wort Liebe ist eben vielschichtiger als der valentinstägliche Gebrauch nahelegt. Das gilt für die Bibel, das gilt aber auch für unsere Gegenwart.

Hld 8

Das Hohelied ist Sprengstoff für gern gepflegte Vorbehalte der christlichen Tradition gegenüber den erotischen Freuden des Lebens. Zu gern wird dieser Sprengstoff bei der Lektüre entschärft, indem man etwa das Verhältnis der Liebenden sofort auf Gott und seine Kirche überträgt. Der zitiert Artikel lässt sich erfreulicherweise nicht darauf ein. Aber auch hier nimmt der fehlende Kontext den zitierten Sätzen ihr Feuer. Die Liebe ist ja nicht irgendwem gegenüber stärker (warum der Artikel hier „scheinbar“ schreibt, bleibt mir unverständlich), sondern gegenüber der stärksten Macht, die den Menschen begrenzt, dem Tod (Hld 8,6-7). Schaut man den Rest des Hoheliedes an, dann werden auch deutlich schwächere Mächte überwunden, die der Liebe ebenso im Wege stehen. Das Hohelied erzählt ständige Ausbrüche aus der patriarchalen, normierenden Gesellschaft.

Die Bibel ist nie in Sätzen wahr, das gilt für die schönen wie für die schwierigen. Lässt man den Kontext dieser Sätze weg, dann verlieren sie ihren eigentlichen Charakter, nämlich Heilige Schrift zu sein. Zwar nehmen wir für unsere Lektüre zwangsläufig Sätze und Abschnitte aus diesem Kontext heraus. Man darf dann aber bei der Interpretation – und das habe ich versucht aufzuzeigen – nicht vergessen, dass diese Sätze einen sinnstiftenden, liebenswerten Kontext haben.

Posted by Benedict Schöning