was ist wahrheit

Am 1. Juni 2016 fand in Mainz der erste Mainzer Preacherslam statt; organisiert von der KHG und den Dominikanern wollte diese Veranstaltung die Kunst der Poetryslams in das religiöse Sprechen einbringen. Das Thema lautete: „Was ist Wahrheit“. Auch ich habe mich der reizvollen Aufgabe gestellt und hatte an dieser rundum gelungenen Veranstaltung viel Freude. Mein Beitrag teile ich nun auch gerne hier – auch wenn er gelesen natürlich anders wirkt als in Performance:

Ich gehe durch die Stadt und da ist so ein Typ der hat in der Hand ein Blatt und sagt: Jesus liebt dich!

Ich denke mir, okay, naja – der tut keinem weh, aber hey, was juckt das mich?

„Das ist die Wahrheit“ ruft er meinem Schulterzucken hinterher, ich halte inne und beginne ihn zu fragen, wie das denn mit der Wahrheit wär, „Woher weißt du das, was verändert das?“ Seine Antwort blieb leider ziemlich blass.

Deswegen quält mich die Frage seit dieser Zeit: Ist so eine Wahrheit nicht Narrheit statt Klarheit? Und weil es mich dann doch irgendwie betrifft, suche ich eine Antwort – in der Schrift.

Da gibt es nämlich einen Satz, mit dem es mir ähnlich geht, wo ebenso in Frage steht, was diese Wahrheit dem Menschen bringt, wo sie doch ach so hübsch klingt.

Mose ging durch die Wüste seine Schafe zu weiden, nichts ahnend, dass eine größere Herde zu leiten nach diesem Tag seine Aufgabe wird.

Und während er so durch den Sinai irrt, gelangt er zum Busch der brennt und doch nicht verbrennt, woraufhin sich Mose von seinen Schuhen trennt und Gott lauscht, als er seinen Namen hört.

Er bekommt dann allerlei vorgeführt: Dass Gott die Schreie seines Volkes hört und dass er – Mose – jetzt an der Reihe sei: Pharao plagen – Israel führen – Ende der Sklaverei

Wie Mose die Idee gefällt? Ich habe mir das ungefähr so vorstellt:

M: Ähm Gott, ist das nicht ein bisschen viel, was du da von mir verlangst? G: Du Mose, habe keine Angst, ich bin mit dir und als Zeichen dafür, sei dir sicher: ihr werdet mich genau hier am Berg verehren.

M: Du meinst also wir werden hierher wiederkehren? Okay, nehmen wir an, ich vertraue dir und dann ginge ich zu meinen Brüdern hier und grüßte: „Kommt wir wandern ewig durch die Wüste, lassen die Fleischtöpfe Fleischtöpfe sein, lassen uns auf ein paar Kriege ein…“ Wenn einer so nen Quatsch vorträgt, fragen sie sicher, wer den Blödsinn vorschlägt. G: Sag Ihnen: der Gott eurer Väter sendet mich, denn der hat auch ganz wesentlich, Abraham, Isaak und Jakob geführt.

M: Die Antwort ist doch nichts wert! Als ob die noch die alten Götter kennen. Könntest du mir wenigstens deinen Namen nennen?

G: Ich bin ich! M: Wie bitte? G: Ich bin ich! M: Ich glaub‘, ich versteh dich nich‘ G: Ich bin ich! M: Ist das deine Antwort auf meine Frage? G: Wenn ich’s dir doch sage.

M: Oh Super, genau das wollte ich wissen; ey weißte Gott, echt drauf gesch***** G: Mose! M: Naja, also ich meine, die Antwort würde ich jetzt echt nicht vermissen. Schau mal: dein Volk brennt Ziegel für Pharao; Blut und Schweiß und Tränen und so. Und ich habe einen Ägypter auf dem Gewissen

Und du brennst vor dich hin und hast nichts anderes im Sinn als diese leere Phrase „Ich bin ich“, euer Gott, das ist echt nicht hilfreich in dieser Not.

Mose hatte dann doch noch Glück, Gott pimpte seinen Stab (einmal Schlange hin und zurück), was ihm die Möglichkeit gab die Israeliten mit einem Wunder zu überzeugen.

Aber: Soll ich mich jetzt, heute dem frommen Glauben beugen, wohlgemerkt auch ohne Wunderstab, dass die hohle Zusage, die Gott gab, auch heute noch gilt?

Ich kann nicht leugnen, dass es sich sehr naiv anfühlt, wenn Christen mit breitem Lächeln im Gesicht behaupten, mehr bräuchte es nicht, als “Ich bin Ich“ allein, um glücklich Gotteskind zu sein.

Aber: so steht’s auch nicht in der Bibel. Denn man muss, das ist die Regel, weiterlesen, um ganz zu verstehen. Sonst könnte man übersehen, dass nach dem Dornbusch der Gottesname noch Wirkung zeigt, in den Erfahrungen Rettung, Schutz, Gnade und Barmherzigkeit. Ohne diese Erfahrungen bliebe der Name leer, zwar absolut wahr, aber eben nicht mehr.

Und ganz gleich ist es ja auch, als Pilatus nach der Wahrheit fragt, nachdem ihm der zu Kreuzigende sagt, er selbst sei die Wahrheit. Denn auch diese Aussage ist vor Bedeutungslosigkeit nicht gefeit: Wenn die Erfahrung mit Jesus nicht wär, – Die Pilatus freilich fehlt, weswegen er Jesus nicht versteht – wäre die Antwort blanker Hohn und nicht mehr.

Also ja, die Aussage “Jesus liebt dich” ist wahr. Aber nur für den, der das auch erfährt! Und wer nur Liebe lehrt aber diese Erfahrung verwehrt der lehrt verkehrt. Zu glauben, mit bloßen Sätzen, hilfreiche Wahrheiten über Gott in die Welt zu setzen, ist angesichts dessen großer Stuss; quasi ein veritabler truth-schluss.

Denn Wahrheiten ohne Erfahrungen sind leer. Aber ebenso sehr sind Erfahrungen ohne Wahrheiten blind.

Und wenn das selbst jetzt wahre Wort sind, dann möchte ich festhalten: Gott muss sich beim Menschen bewahrheiten, um für uns verändernde Wahrheit zu sein,

Lasst ihr euch darauf ein? Dann lasst Menschen erfahren, was wir über Gott sagen, und spürt, wie die Erfahrungen euch Gott antragen.

Posted by Benedict Schöning