wie einer auszog, dem terror das fürchten zu lehren

Wenn du Frauen verbietest, ihr Gesicht zu zeigen, verbiete ich Frauen, es nicht zu zeigen.

Wenn du Männer zum Barttragen zwingst, meide ich alle, die einen langen Bart haben.

Wenn du mich mit Bomben bewirfst, werfe ich Bomben zurück.

Wenn du meine Freiheit beschränkst, beschränke ich deine (und meine gleich mit).

In meinen Ohren hört sich das nicht nach einem guten Plan an, um mit Problemen fertig zu werden. Und doch sind das die Vorschläge, die allenthalben die Politik bestimmen, wenn unsere Vorstellung von einer heilen Welt erschüttert wird, wenn unsere Art zu leben angefragt wird. Glaubt wirklich jemand, dass man zu einer dauerhaften Lösung kommt, wenn man Gleiches mit Gleichem vergilt – im Sinne einer perversen goldenen Abwehrregel? Es ist doch eher so, dass man sich mit dem Agressor gleich macht: Aus dem Antiterrorkampf wird eine neue Form des Terrorismus. Die Begründungen sind unterschiedlich, die Konsequenzen ähnlich.

Solche Erfahrungen stecken auch hinter der biblischen Erzählung von Davids erstem Kampf. Allgemein kennen wir 1 Sam 17–18,5 als die David gegen Goliat Geschichte. Schaut man den Text aber genauer an, wird man merken, dass Goliat selbst nur der Anlass ist, sich mit einem viel größeren Problem auseinanderzusetzen: Dem scheiternden König Saul, der vergessen hat, was ihn und sein Volk ausmacht. Denn eigentlich ist es Sauls Sache, sich mit dem riesigen Philister auseinanderzusetzen.

Der Text legt viel Wert auf die angsteinflössende Gestalt Goliats. In der längsten Personenbeschreibung des Alten Testaments zeichnen ihn 1 Sam 17,4–7 in seiner ganzen Schrecklichkeit. Ohne in den direkten Kampf einzusteigen, versetzt er Israels Schlachtreihen in Angst und gewinnt allein dadurch die Obehand. Er ist ein Terrorist.

Dabei überhört Saul die eigentliche Provokation des Philisters. Erst der später hinzukommende David deckt auf: Der Philister lästert Israels Gott JHWH; ebenjenen Gott, der Saul zum König gemacht hat und der ihn schon einmal über die Philsiter hat siegen lassen. Von Gottvertrauen ist bei Saul nichts zu spüren. Als Held seines Gottes sollte er den keifenden Riesen besiegen, rechnet aber wohl eher seine Ausrüstung gegen die Eigenschaften Goliats auf; eine Rechnung, bei der er nur ins Minus geraten kann.

David hingegen stellt sich selbst vor die scheinbar unlösbare Aufgabe, die Saul sich eigentlich selbst auferlegen sollte. Gegenüber Saul begründet er seine Siegesgewissheit mit seiner Lebenserfahrung. Als Hirt hat er Bären und Löwen mit JHWHs Hilfe besiegt, warum soll es ihm nicht bei diesem Philister gelingen (1 Sam 17,34–37)? Saul hört dabei David wohl nur mit einem Ohr zu. Denn anstatt ihn einfach machen zu lassen, rüstet er ihn mit seiner eigenen Rüstung. David passt das unter vielerlei Hinsicht nicht. Er bleibt bei dem, was ihn ausmacht, bei seinem Hirtenwerkzeug.

Seinem Kampf gegen den Philister schickt er dann die eigentliche Botschaft der Erzählung voraus: JHWH rettet nicht durch Schwert und Speer (1 Sam 17,47). Diese Botschaft soll das versammelte Israel hören, das meinte seine eigene Ausrüstung aufrechnen zu müssen und deswegen dem Philister unterlegen zu sein. Es kommt aber, so David, gar nicht darauf an, auf die Waffen Goliats mit eigenen, gleichwertigen Waffen zu reagieren. Er erinnert daran, was der eigentliche Grund ist, warum Israel stark und selbstbewusst sein darf, nämlich weil es seinen Gott auf seiner Seite hat.

Die Erzählung in 1 Sam 17,1–18,5 handelt also eher weniger davon, dass Kleine gegen Große siegen. Vielmehr geht es darum der quantitativen Überbietungslogik die qualitativen Unterscheidungen entgegenzusetzen. Israel siegt nicht, weil es den Philistern einen noch größeren Helden entgegenstellt, sondern weil es sich auf seine eigene Qualität besinnt.

Einer modernen Gesellschaft kann man diese Erzählung immer noch erzählen. Für viele mag dabei nicht JHWH die unterscheidende Qualität zum Terrorismus sein, aber vielleicht die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die Menschenrechte oder ähnliches. Wenn wir diese Qualitäten vergessen, sobald sie angefragt werden, lassen wir uns die Logik der Agressoren aufbinden. Wir beantworten Gewalt mit Gegengewalt und Drohung mit Freiheitsentzung. Die größte Gefahr für unsere Gesellschaft liegt nicht in den Terroristen, sondern in den Menschen, die sich auf sie einlassen und dabei die Werte vergessen, die uns ausmachen: Freiheit, Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und viele mehr.

Meiner persönlichen Meinung nach sind Vorratsdatenspeicherung, Burka-Verbot, Fremdenfeindlichkeit oder AfD eben solche Einlassungen auf den Terrorismus. Und damit die Absage an das große Geschenk JHWHs, die menschliche Freiheit.

Posted by Benedict Schöning